Taxi, my Friend?

Die Frage „Taxi, my Friend” oder „Taxi, Amigo?” hört wohl jeder Kubareisende mehrmals täglich. Meist reicht ein freundliches „No, gracias“, und man hat seine Ruhe bis zur nächsten Ecke, denn dort steht ein weiterer Oldtimer samt Fahrer bereit. Manchmal erwecken die Jungs auch den Eindruck, die Frage rein aus Reflex stellen zu müssen, wenn ein Tourist vorbeiläuft. Einige gehen so schnell weiter, dass man gar nicht den Mund aufbekommt, um zu antworten. Doch braucht man tatsächlich ein Taxi, ergeht es einem wie im Film – weit und breit ist keines zu bekommen.

Preis vorher verhandeln und nachfragen

Wie immer habe ich hinten Platz auf der Rückbank genommen, da die Frau meiner Träume von extremer Reisekrankheit geplagt wird, darf sie vorne sitzen. Ob unser freundlicher Hinweis, den wir (HaHa) im gebrochenem spanisch und mit Händen auf dem Bauch sowie einer Übelkeitsparodie dem Fahrer gegeben haben, tatsächlich angekommen ist, fragen wir uns jedes, auch dieses Mal. Es geht von Vinales nach Maria la Gorda. Laut intensiver Recherche ist das ein Trip von ungefähr drei bis vier Stunden mit dem Taxi, der uns zum westlichsten Punkt von Kuba führt. Die Fahrt kostet 35 CUC, was dem üblichen Rahmen von 10 CUC pro gefahrener Stunde entspricht. Am besten ist es, wenn man sich von seinem casa particular ein Taxi organisieren lässt. Der Preis ist meistens o.k., es gibt keine Nachverhandlungen, und das Taxi ist meist zehn Minuten früher da als bestellt. Außerdem ist das einfacher, als auf der Straße ein Taxi zu finden und den Preis zu verhandeln.

Dieses wunderschöne alte Auto stand vor unserem Casa.

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Joseph spricht wie die meisten Taxifahrer nur wenig Englisch, aber mit Händen und Füßen gelingt doch immer mal eine kurze Konversation. „Mucho tràfico hoy?“, „Si, mucho“, „¿De dónde eres?“, „Alemania“ „Ah bueno“ usw….  Außerdem fährt Joseph wie eine besengte Sau. Er ist nicht der erste und zum Glück nicht der letzte Taxifahrer, den wir kennenlernen dürfen. Ich habe Schweißausbrüche. Man muss, wenn man in Kuba unterwegs ist, mit allem rechnen. Hier ist grundsätzlich alles auf den Straßen unterwegs was, Räder oder Beine oder beides hat: Fußgänger, Fahrradfahrer, Reiter, Kutschen, Fahrradrikschas, Lkw`s, Busse, Motorräder, E-Roller, Oldtimer, Kinder, Kühe, Fußgänger und Autos. Das gilt nicht nur für den innerstädtischen Verkehr, sondern auch für die einzige Autobahn – die autopista national.

Zudem scheint Joseph heute unbedingt versuchen zu wollen, mit seinem Chevrolet, Baujahr 1955, abzuheben. Sowie die Straße frei ist, drückt er aufs Pedal und holt aus dem Boliden alles raus, was geht. Dieses Verlangen nach Geschwindigkeit muss man hier anscheinend bei der Taxischeinprüfung nachweisen, denn Joseph ist mit seinem Fahrstil weiß Gott nicht der einzige. Trotz alledem – die  Schlaglöcher umfahren wir auf geheimnisvolle Weise, aber dennoch schaue ich lieber auf den kleinen Monitor des Autoradios, weil ich mir Sorgen um meine Gesundheit mache.  

Musik und Soundsystem

Natürlich ist Kuba ein Land der Musik. Salsa, Rumba, Son und Reggaeton prasseln quasi permanent auf einen ein. Eine nicht unerhebliche Rolle spielen dabei die Taxifahrer. Ob hinten auf einer Rikscha, im Kofferraum oder sogar auf der Kutsche. Der meist männliche kubanische Chauffeur liebt sein Soundsystem. Es scheint nach den Frauen und dem Rum sein drittliebstes Hobby zu sein. In manchen Taxen hatten unsere Rucksäcke kaum Platz im Kofferraum, weil der Subwoofer gut die Hälfte des Volumens für sich in Anspruch nahm. Standard in allen Gefährten ist ein kleiner Monitor. Musik wird in Kuba von USB-Stick zu USB-Stick gereicht und vor allen Dingen in Videoclipform. So kommt man  in den Genuss eines Videoausfluges in die lateinamerikanischen Reggaetoncharts oder zu einer Reise zum Buena Vista Social Club, oder es geht zurück in die 80er-Jahre – alles erlebt, während ich mir mit Schweißperlen auf der Stirn die Rückbank mit Eenie und Marjaa aus Holland teilte und insgeheim betete, dass die Fahrt bald zu Ende sein möge.

Verkehrsregeln – welche Verkehrsregeln?

Während sich im innerstädtischen Verkehr alle irgendwie nach Regeln bewegen, herrscht auf Landstraßen und der einen Autobahn sowie ihren Zubringern fröhliche Anarchie – zumindest, wenn man deutsche Autobahnen gewohnt ist. Manöver, wie Wenden mitten auf Straße oder Autobahn, das Überqueren des Mittelstreifens, Anhalten mit dem E-Roller auf dem Mittelstreifen um zu telefonieren, Falschfahren mit dem Fahrrad, wahllose Kreuzungen auf dem Highway, auf dem Seitenstreifen oder der Straße weidende Tiere – es gibt in Kuba nichts, was es nicht gibt. Aber niemand stört sich daran. Joseph bremst für jeden Hund von 100 km/h auf Schritttempo, ohne sich zu ärgern. Ein Pferdfuhrwerk wird ohne Murren vorbeigelassen, und den Ladys wird fröhlich zugewinkt. Man hilft sich gegenseitig, indem man auf eiernde Räder hinweist, und hält an, wenn das betagte Mobilum eines anderen eine Panne hat. Ob diese für alle europäischen Touristen haarsträubenden Manöver erlaubt sind, war nicht herauszubekommen.

Wenn es Regeln gibt, dann die eines gemeinsamen Miteinanders. Das Unterwegssein ist in Kuba ein gesamtgesellschaftliches Erlebnis und keine Erfüllung eines individuellen Traums vom Fahren. Da es zu wenige Autos gibt, wird alles zum Gefährt gemacht, was geht. LKW`s oder Busse fahren die längeren Strecken, die Taxen kacheln die Touris umher, die Rikscha, die Kutsche und das Fahrrad sind für die kurzen Wege zu nutzen. Außerdem ist Trampen notwendiger Volkssport. Überall hält man den Daumen samt Geldschein raus, und meist wird man schnell eingesammelt. Da niemand lange warten möchte, wenn man gezwungen ist zu trampen, nimmt der Kubaner gerne andere Menschen mit, in der Hoffnung, dass vielleicht der Mitgenommene das nächste Mal ein Auto hat.

Außerdem schauen alle auf die Straße und sich gegenseitig an – es wird gehupt, gewunken und Ola gerufen, so geht keiner verloren oder im Gewusel unter. Auf den ersten Blick wirkte das alles sehr chaotisch, doch nach einer Weile scheint es trotz seines Archaismus wesentlich zukunftsfähiger als unsere westliche Art, den Verkehr zu regeln. Warum? Wenige Autos transportieren viele Menschen. Es braucht kaum Parkplätze, weil die Autos auf der Straße fahren, statt dumm rumzustehen. Es gibt für jedes Bedürfnis das passende Fortbewegungsmittel, das man ruft, wenn man es braucht. Eigentum wird geteilt und ist für alle da. Klingt wie modernes Carsharing, oder nicht? Einen Unfall haben wir in Kuba übrigens auf den über 1000 Kilometern, die wir zurücklegten, nicht gesehen.

PS: Joseph brauchte nur drei statt dreieinhalb Stunden nach Maria la gorda und war sehr stolz darauf!

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