{"id":641,"date":"2018-12-23T12:50:43","date_gmt":"2018-12-23T10:50:43","guid":{"rendered":"http:\/\/laenderkenner.de\/?p=641"},"modified":"2018-12-29T17:14:19","modified_gmt":"2018-12-29T15:14:19","slug":"kakao-schokolade-selber-machen-ernten-kakaobohne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/laenderkenner.de\/index.php\/2018\/12\/kakao-schokolade-selber-machen-ernten-kakaobohne\/","title":{"rendered":"Kakao &#8211; Von der M\u00fche vor dem Genuss"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\"> 30 Grad im Schatten, die Luftfeuchtigkeit betr\u00e4gt 95 Prozent, es regnet,  und ich stehe inmitten des Dschungels von Panama. Neben mir steht Jos\u00e9,  dem die klimatischen Bedingungen anscheinend nichts anhaben. Jos\u00e9 ist  Indio und am\u00fcsiert sich k\u00f6stlich \u00fcber mich, den verr\u00fcckten Deutschen,  der versucht, mittels einer Machete Kakaofr\u00fcchte zu ernten. Ich befinde  mich daf\u00fcr auf der Isla San Crist\u00f3bal in Panamas Nordwesten. <\/p>\n\n\n\n<p>Hierher verschlagen hat mich eine Annonce von Johanna, einer  \u00d6sterreicherin, die hier auf der Insel eine Farm hat und versucht, diese  urbar zu machen. Ich bin Volunteer und seit drei Wochen auf der Insel.  Zur Farm geh\u00f6ren neben Wiesen, Weiden, ein Garten, ein  Bananenpflanzenfeld, ein Ananasfeld und viele Tiere auch viele Hektar  Dschungel. Bei einem gro\u00dfen Teil handelt es sich tats\u00e4chlich um  Sekund\u00e4rwald, und ein kleiner Teil davon ist eine verwilderte  Kakaoplantage, die das unge\u00fcbte Auge erst auf den dritten Blick hin  erkennen mag. Man muss dabei erw\u00e4hnen, dass es sich bei dem Dschungel um  richtigen Dschungel handelt. Es gibt circa zehn verschiedene  Schlangenarten, selbstverst\u00e4ndlich alle richtig giftig \u2013 , dazu kommen  Vogelspinnen, Ameisen, Termiten, Papageien, Affen und Skorpione. \u00dcberall  krabbelt, wimmelt und wuselt es. Man darf sich nirgends hinsetzen,  nirgendwo hineinfassen, muss immer Gummistiefel und lange Hosen tragen,  die B\u00e4ume haben Stacheln, die B\u00fcsche haben Stacheln, und das Gras ist  messerscharf. Wenn man durch das hohe Gras l\u00e4uft, sollte man wegen der  Schlangen mit der Machete laut den Weg freimachen. Hier gibt es keinen  Handyempfang, kein Radio, kein Fernsehen \u2013 und Internet schon gar nicht.  Nur eine CB-Funkanlage hat dauerhaften Kontakt zur Au\u00dfenwelt. Das  n\u00e4chste Krankenhaus ist \u00fcbrigens in zwei Stunden mit dem Boot  erreichbar. Das sind die Bedingungen, unter denen der Kakao hier w\u00e4chst.  Bedingungen wie im gesamten Norden von Panama. <\/p>\n\n\n\nngg_shortcode_0_placeholder\n\n\n\n<p> Da an den Kakaob\u00e4umen von Johannas Plantage zahlreiche Fr\u00fcchte h\u00e4ngen,  habe ich den Vorschlag gemacht, diese doch zu ernten, um Kakao zu  trinken und Schokolade zu essen. Meine Idee fand wenig Zustimmung, und  so stehe ich mit Jos\u00e9, meiner Machete und zwei leeren S\u00e4cken vor  mehreren Kakaob\u00e4umen und versuche, die Fr\u00fcchte von den B\u00e4umen zu  schlagen, ohne sie gleich abzuhacken oder zu besch\u00e4digen. Bevor wir den  ersten Baum erreichen, bin ich klatschnass, als h\u00e4tte ich gerade  geduscht, aber an diesen Zustand bin ich langsam gew\u00f6hnt. Nach einer  Stunde haben Jos\u00e9 und ich ca. 60 bis 70 Kakaofr\u00fcchte von den knapp zwei  bis vier Meter hohen B\u00e4umen geschlagen. Damit sind unsere beiden S\u00e4cke  voll und wiegen jetzt jeder ungef\u00e4hr 20 Kilo. Wir schleppen sie nun  durch den Dschungel zum zentralen Haus der Farm. Dort angekommen, setze  ich mich hin und \u00f6ffne mit der Machete die Kakaofr\u00fcchte. In den gelben  Fr\u00fcchten befinden sich, von wei\u00dflich gelben, glibbrigen und leicht  s\u00fc\u00dflichem Fruchtfleisch umgeben, die Kakaobohnen. Der gesamt Glibber  muss nun aus den Fr\u00fcchten gepuhlt werden, und alles kommt zun\u00e4chst in  einen Plastesack. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Kakaoernte ist noch lange nicht vorbei<\/h2>\n\n\n\n<p> Nachdem wir unsere zwei S\u00e4cke entleert und entpuhlt haben, bleibt  weniger als ein halber Sack Kakaobohnenglibber \u00fcbrig. Dieser Sack wird  nun fest verschlossen und muss f\u00fcr f\u00fcnf Tage in der Sonne h\u00e4ngen. Warum?  Die Fr\u00fcchte werden fermentiert. Bei hohen Temperaturen im Sack wird so  das Fruchtfleisch von den Bohnen getrennt, die Keimf\u00e4higkeit der Samen  abget\u00f6tet, um sie lagerf\u00e4hig zu machen. Es bilden sich die ersten  Aromastoffe, und die Bohnen f\u00e4rben sich braun. W\u00e4hrend der f\u00fcnf Tage  riecht es permament nach Alkohol auf der Veranda, und eine Milliarde  Fliegen laben sich an dem, was aus dem Sack tropft. Nach sechs Tagen  haben sich die Fliegenwolke und der Geruch langsam verzogen. <\/p>\n\n\n\n<p>Unser Ertrag ist nun von zwei S\u00e4cken auf weniger als ein Viertel eines  Sackes zusammengeschrumpft. Dann m\u00fcssen die Bohnen getrocknet werden.  Das hei\u00dft, dass die Bohnen f\u00fcr sechs bis zehn Tage in der prallen  panamesischen Sonne ausgebreitet liegen m\u00fcssen. W\u00e4hrend der Trocknung  werden sie dreimal am Tag gewendet, und sie d\u00fcrfen auf keinen Fall nass  werden. Das hei\u00dft, sowie eine Wolke \u2013 wir haben gerade Regenzeit \u2013 am  Himmel erscheint, muss einer, meistens ich, denn ich hatte ja die Idee,  losrennen und die Bohnen vor dem Regen in Sicherheit bringen. Nach den  zehn Tagen Trocknung bleibt uns von unseren zwei S\u00e4cken Kakaofr\u00fcchten  ein bisschen mehr als ein Kilo getrocknete und zur Weiterverarbeitung  fertige Kakaobohnen. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir ungef\u00e4hr zehn  Stunden reine Arbeitszeit in ein Kilo Bohnen gesteckt, und es hat circa  zwei Wochen bis dahin gebraucht. Ich frage Jos\u00e9, wie viel wir f\u00fcr diese  Bohnen in der Kooperative in Almirante bekommen w\u00fcrden.  <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ich arbeite f\u00fcr 12 Cent die Stunde<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Kooperative ist eine Vereinigung, die von den Bauern in der Umgebung  die Ernten aufkauft, um diese an H\u00e4ndler f\u00fcr den Weltmarkt  weiterzuverkaufen. Die niederschmetternde Antwort lautet einen Dollar  und 25 Cent. Ich habe also f\u00fcr ungef\u00e4hr zw\u00f6lf Cent die Stunde  gearbeitet. Mir ist klar, dass man mein Beispiel nicht hochrechnen kann.  Aber ich wei\u00df, dass Jos\u00e9 ein bisschen mehr als acht Dollar bekommt \u2013  pro Tag. Das ist f\u00fcr einen Indio in Panama ein wenig mehr als der  Mindestlohn und damit ein guter Lohn. Und wie er und seine Freunde mir  berichten, sind die Kakaobauern schlechter dran. Deswegen lohnt die  Arbeit auch f\u00fcr sie kaum. Meine Plackerei bei 30 Grad im Dschungel war  die reine Erntearbeit. In ihr nicht enthalten ist die Pflege der B\u00e4ume,  der Plantage und des Dschungels. Bin ich also mit meinen zw\u00f6lf Cent doch  nicht allzu weit von dem Geld der Kakaobauern entfernt? Und richtig.  Einfachste Recherchen via Suchmaschine ergaben, dass viele Kakaobauern  in Westafrika zum Beispiel mit 1,25 Dollar am Tag auskommen m\u00fcssen.  Viele von ihnen verdienen 400 bis 600 Euro im Jahr und m\u00fcssen damit ihre  Familien durchbringen. Sie verdienen weniger als meine 12,5 Cent in der  Stunde, doch im Gegensatz zu mir m\u00fcssen sie davon leben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir verbringen schlie\u00dflich einen weiteren gesamten Nachmittag damit, die  Kakaobohnen zu r\u00f6sten, zu sch\u00e4len und zu mahlen. Die H\u00e4lfte der Bohnen  wird ger\u00f6stet und kandiert und als Snack gegessen. Die andere H\u00e4lfte  verarbeiten wir zu circa einem Kilo Schokolade \u2013 umgerechnet zehn Tafeln  Schokolade \u2013 und etwas bleibt f\u00fcr Trinkschokolade \u2026 <\/p>\n\n\n\n<p> Seit meinem Aufenthalt in Panama habe ich zu Schokolade ein gespaltenes  Verh\u00e4ltnis. Ich genie\u00dfe Kakao oder Schokolade in fl\u00fcssiger und fester  Form f\u00fcr mein Leben gern. Doch im Hinterkopf habe ich immer die  Bedingungen ihrer Herstellung. Diese sind nach meinen Erfahrungen  \u00fcbrigens f\u00fcr Fairtradebauern nur unwesentlich besser. Bei meinen  Recherchen stellte ich aber fest, dass sich im Kakaogesch\u00e4ft ein Wandel  ank\u00fcndigt. Denn immer weniger Kakaobauern wollen zu so einem Hungerlohn  arbeiten. Die Folge: es gibt weniger von ihnen und somit weniger Kakao.  Da die gro\u00dfen Multis aber weiterhin an der Kakaofrucht verdienen wollen,  sind sie durch ihre eigenen Marktmechanismen gezwungen, mehr f\u00fcr die  Bauern zu tun. <\/p>\n\n\n\n<p>Dies hat zum Beispiel eins der letzten unabh\u00e4ngigen Hersteller der  Branche, das Familienunternehmen Rittersport, erkannt. Ab 2017 erntet  das Unternehmen in Nicaragua eigene Kakaofr\u00fcchte, unabh\u00e4ngig vom  spekulativen Weltmarkt unter vern\u00fcnftigen sozialen und \u00f6kologischen  Bedingungen. Vielleicht ist dies ein neuer Weg, um das Leben der Bauern  zu verbessern. Auf dass man Schokolade wieder ohne Gewissensbisse  genie\u00dfen kann. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>30 Grad im Schatten, die Luftfeuchtigkeit betr\u00e4gt 95 Prozent, es regnet, und ich stehe inmitten des Dschungels von Panama. 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