Geheimzeichen in Riga: Gelber Koffer

Ein Städtetrip zeichnet sich oft dadurch aus, dass man in Straßen und Gassen umher wandelt, um sie zu entdecken. Mit Stadtplan durch die Gegend zu laufen, ist uncool; mit dem Handy in der Hand verpasst man die besten Momente. Eine geführte Tour kann oft langwierig und –weilig sein. Nicht so, wenn ihr in Riga einen gelben Koffer seht.

Vor der Reise im Internet gegoogelt, stieß ich auf die in Englisch geführte „Free Riga Tour“. Man sollte sich zu einem bestimmten Zeitpunkt, wechselnd nach Jahreszeit, vor der St. Peters Kirche einfinden. Diese liegt im Zentrum der Altstadt und ist daher nicht zu verfehlen. Dort würde jemand mit einem gelben Koffer stehen, um die sich bildende Gruppe abzuholen. Vor der Kirche angekommen, waren wir zuerst leicht verwirrt – hier standen mehrere Personen, die eine Führung anboten. Und mehrere Leute schlichen um die Kirche, suchten Blicke und wussten nicht so recht, zu wem sie sich stellen sollten. Als hätten alle einen geheimen Code ausgemacht, wurden die Schritte zielstrebig beschleunigt, als jemand mit einem gelben Koffer auf den Platz kam. In unserem Fall waren der sehr zu empfehlende Caspars und Linda die Guides. Die Gruppe war so groß, dass sie zuerst in zwei Teile differenziert wurde. Auf die Frage, was denn typisch für Lettland sei, konnten weder Schweden oder Amerikaner, noch Kanadier, Portugiesen oder Deutsche etwas antworten. Dies galt es in den nächsten zwei Stunden zu ändern.

Der Weg sollte uns relativ schnell aus der Altstadt hinaus führen, denn: Über diese würde dauernd geredet werden, doch war sie fast nur ein Bildnis für die Touristen. Außer an der Statue der Bremer Stadtmusikanten, tatsächlich ein Geschenk aus Bremen in den 90er-Jahren, könnte man hier wenig über die Stadt erfahren … Die Verbindung zu Deutschland wurde jedoch gleich erklärt: Das Gebiet um Riga bestand früher aus Fischerdörfchen, die Bäume und Steine anbeten und wurde im Mittelalter von deutschen Kreuzfahrern zur Handelsstadt mit strategischer Lage kolonialisiert. Was daraus hängen blieb, ist das Bier. Unsere Stationen waren durchaus touristische Ziele, aber vor allem auch Viertel, die auf den ersten Blick unscheinbar sind, für einen Local aber durchaus Bedeutung haben. So liefen wir über den Centralmarkt mit seinen fünf Hangern und hörten Caspars zu, wie enthusiastisch er über die regionale Küche und die Liebe zu Fischen  sprach. Weiter ging es zum „Russenviertel“, in welchem er uns die Sensibilität des Themas der sowjetischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte und was das heute noch mit der Bevölkerung macht. Am Hauptbahnhof entlang zur Akademie der Wissenschaften konnten wir spüren, wie Lettland – speziell Riga – mit sich selbst hadert, da es in der Geschichte ständig besetzt und fremden Einflüssen ausgeliefert war. Wussten wir durch die wankende eigene Identität so wenig über das Land?

Enden sollte unsere Führung am Freiheitsdenkmal. So zentral, dass jeder wieder seine Orientierung fand. Aus den geplanten zwei Stunden wurden drei. Weil Caspars voller Herzblut von seiner Stadt sprach, sie uns witzig und informativ näher brachte und immer Fragen gestellt werden konnten, wenn man das wollte. „Free Tour“ bedeutet in diesem Falle, dass am Ende der Wunsch zu einer Spende bestand, denn nur so verdiene sich der Guide und die Organisation sein Geld. Gerne zückten auch wir die Scheine, da  diese drei Stunden wirklich zu den besten während eines Städtetrips jemals zählten.

Weitere Empfehlung: „Riga Culture Free Tour“, Treffpunkt: Rainis Monument

Empfehlungen für die Stärkung davor/danach: Pagalms (idyllischer Freisitz für den kleinen Hunger direkt am Kanal mit ausgewählten selbstgemachten Speisen), Rozengrals (mittelalterlicher Keller mit Speisen wie vor 500 Jahren für einen besonderen Trip in die Geschichte)

(Text: Anne-Marie Holze)

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